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Sonntag, 9. August 2015

Mit Uber und AirBnB in die Zinswende?

Die amerikanische Notenbank steht vor der Entscheidung, ob sie endlich die Zinswende einleiten will. Der Entscheid fällt in der digitalen Gesellschaft nicht so leicht, wie früher, als sich die Notenbanker noch ausschließlich auf die althergebrachten wirtschaftlichen Indikatoren verlassen konnten. Ökonomen glauben, dass die sogenannte “Share-Economy“ diese traditionellen Statistiken alt aussehen lässt und in den Entscheidungen der Spitzenbanker zu wenig Gewicht findet.

Das Eccles-Genäude der Amerikanischen Notenbank in Washington DC.
                                                                                       Bild Dan Smith/Wikipedia
Die Share-Economy wächst und wächst; heute schon spielt sie eine wichtige Rolle in der globalen Wirtschaft. Das wissen auch die Teilnehmer der traditionellen Wirtschaftsformen: Obwohl (oder gerade weil) diese sich oft in einem sklerotischen Zustand befinden, haben viele ihrer Vertreter, wie zum Beispiel Gewerkschaften oder Unternehmensverbände, ein Interesse daran, die Neuankömmlinge unter Druck zu setzen. In vielen Ländern und Städten wurde zum Beispiel der Uber-Fahrdienst verboten. Trotzdem steigt der Wert von Uber immer weiter an. Ganz ähnlich sieht es mit AirBnB aus, wo es darum geht, private Unterkünfte zu vermieten. Strikte Vorschriften, die oft durchaus berechtigt sind, lassen sich nur schwer durchsetzen.
Immerhin hat der Boom der Share-Economy dazu geführt, dass die herkömmlichen Wirtschaftszahlen vielen Ökonomen nicht mehr genügen. Zitat aus der Handelszeitung:
“Neue Internet-Geschäfte mit dem Teilen von persönlichem Besitz haben bereits Milliarden Dollar an Investorengeldern angelockt. Webseiten wie das Wohnungsportal AirBnB oder der Taxidienst Uber boomen in den USA. In die Daten der US-Ökonomen zur Entwicklung Produktivität scheint diese «Sharing Economy» bislang aber kaum Eingang zu finden. […] Seit der Weltwirtschaftskrise 2008/09 hat die Produktivität in den USA laut Daten der Ökonomen gerade einmal 1,25 Prozent im Jahr zugelegt. Davor war der Zuwachs doppelt so stark. Manche Volkswirte sagen, die Auswirkungen der «Sharing Economy» und anderer neuer Entwicklungen würden nicht genügend berücksichtigt – in Wahrheit liege der Produktivitätsfortschritt deutlich höher. Dann aber wäre die US-Wirtschaft in womöglich besserer Verfassung als es offizielle Statistiken vermuten liessen und Yellen könnte eine Zinsanhebung leichter fallen.“
Natürlich gibt es zahlreiche Ökonomen, die die ganze Sache nicht so wild sehen; auch sie kommen im Artikel der Handelszeitung zu Wort.
Eines ist aber sicher: Was die Share-Economy betrifft, herrscht Handelsbedarf. Kapitalistische Liberalisten möchten die Entwicklung uneingeschränkt laufen lassen, weil sie glauben, dass dadurch langfristig der allgemeine Wohlstand vergrössert wird, auch wenn es kurzfristig Härtefälle gibt (zum Beispiel arbeitslose Taxichauffeure). Andere verlangen zumindest gewisse Massnahmen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln ist kürzlich mit dem Thema an die Öffentlichkeit getreten:
"Der Gesetzgeber muss sich die Regeln und Vorschriften genau angucken – und vor allem schnell“, fordert auch Vera Demary vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW). Ein „angemessener regulatorischer Rahmen“ sei eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass sich der Markt dynamisch weiterentwickeln könne. Auch Demary ist sich der Gratwanderung bewusst: Zwar warnt sie eher vor einer Überfrachtung eines Regelwerks, eine völlige Aufweichung der Regularien sei aber auch nicht sinnvoll: „Wichtig ist, dass fairer Wettbewerb möglich ist."
 Ob die Share-Economy bei der kommenden Zinswende den wirklich eine Rolle spielen wird, werden wir von der Fed Chefin Janet Yellen wohl nie erfahren.

Montag, 25. Mai 2015

Marktwirtschaft, Gier und die digitale Gesellschaft

Wo hört die nutzbringende Marktwirtschaft auf, und wo fängt die Gier an? Das Internet hat Geschäftsmodelle möglich gemacht, die das Potential haben, in kürzester Zeit althergebrachte Geschäftsmodelle zu zerstören und traditionell gewachsene soziale Strukturen zu bedrohen – wie zum Beispiel den Fahrdienst Uber oder den Vermietungsdienst Airbnb. Davon profitieren vorerst mal die Kunden – durch ein besseres, grösseres und günstigeres Angebot – genau wie es im Ökonomielehrbuch steht. Allerdings zeigt sich, dass das rasante Wachstum dieser Dienste auch drastische Folgen haben kann.

Sicht auf den Eiffelturm: Die Pariser Stadtverwaltung schätzt, dass bis zu 30'000
Wohnungen illegal über Airbnb vermietet werden.                                     Bild PfW
Das digitale Geschäftsmodell hat sowohl für Uber als auch für Airbnb zu enormem Wachstum geführt. Investoren glauben an ein gewaltiges Potential; Airbnb soll heute, sieben Jahre nach der Gründung, 20 Milliarden US-Dollar wert sein. Ähnliches gilt für Uber: Das Unternehmen ist sechs Jahre alt und wird gemäß Wall Street Journal bereits auf einen Wert von 41 Milliarden US-Dollar geschätzt. (Wie seriös solche Bewertungen sind, und wie sie zu Stande kommen, ist eine andere Geschichte, deren wir uns bei Gelegenheit annehmen werden.)
Beide Unternehmen funktionieren auf einer ähnlichen Basis: Sie vermitteln Dienstleistungen per digitalem Medium, die sehr gesucht sind und mit dem Smartphone, dem Tablet oder dem PC unkompliziert und günstig gebucht werden können. Ausserdem bedienen sie zwei Eigenschaften, welche einen grossen Teil unseres Verhaltens bestimmen: nämlich Bequemlichkeit und Preisbewusstsein – oder gar Geiz. Doch der Reihe nach.
Airbnb hat seinen Namen eigentlich von der Idee, bei jemandem auf der Luftmatratze zu übernachten – mit Frühstück. Wikipedia erklärt:
“Private Vermieter vermieten ihr Zuhause oder einen Teil davon unter Vermittlung des Unternehmens, jedoch ohne dass Airbnb rechtliche Verpflichtungen übernimmt. Von der Gründung im Jahr 2008 bis zum Juni 2012 wurden nach Angaben des Unternehmens mehr als zehn Millionen Übernachtungen über Airbnb gebucht. Kritik entzündete sich daran, dass viele der Vermieter keine Steuern auf ihre Einnahmen zahlen und dass sich nicht mehr nur private Gastgeber, sondern umfangreiche kommerzielle Strukturen dahinter entwickelt haben[…] Nach eigenen Angaben stehen auf der Website über eine Million Inserate in 190 Ländern zum Angebot.“
Tatsächlich scheint das Geschäft hervorragend zu funktionieren, auch wenn es hin und wieder mal schlechte PR gibt.
Nun regt sich aber in vielen Städten grundsätzlicher Wiederstand gegen jene, die über Airbnb kommerziell vermieten. Zum Beispiel in Paris, wie die Welt berichtet:
“Anwohner beklagen sich auch über Lärm, über rücksichtslose Gäste, die spätnachts ihre Parisbegeisterung hinausgrölen oder mit ihren Koffern durch kostbare Treppenhäuser rumpeln und die Wände zerkratzen. Fleischereien und Fischläden schließen, weil sich die neu gemischte Klientel im Viertel mehr für Andenken als für Rinderkoteletts und Steinbutt interessiert. Bäckereien verwandeln sich in Boutiquen, Apotheken in Restaurants. Und nur Touristen gönnen sich ein süßes Gebäckteilchen für sieben Euro, das eine Bäckereiboutique wie Profiterole Chérie verkauft, als wäre es Schmuck.
Am meisten aber wird der fortschreitende Verlust gewachsener Sozialstrukturen bedauert: "Man fühlt sich wie im Hotel", beklagt eine Bewohnerin der Rue Vieille du Temple, die am Musée Picasso vorbeiführt. Von den 40 Wohnungen in ihrem Haus sind inzwischen zehn regelmäßig an Touristen vermietet.“
Auch Uber, der Fahrdienst für Leute, die besseren Service und tiefere Preise suchen, als sie von einem registrierten Taxiunternehmen bekommen, hat Probleme. Taxifahrer wehren sich; inzwischen ist Uber vielerorts, vor allem in hochregulierten Ländern wie Frankreich oder Deutschland, wo Gewerkschaften Einfluss auf die Regierungen ausüben können, ganz  oder teilweise verboten. In den USA aber boomt das Geschäft, und Artikel, wie jener der heute Sonntag in der New York Times zum Thema publiziert wurde, kurbeln das Geschäft weiter an.
Trotz aller Versuche, den Markt einzuschränken, ist nicht anzunehmen  - und wohl auch nicht wünschenswert - dass derartige Unternehmen auf die Dauer in die Schranken gewiesen werden können, denn die User wollen nicht mehr darauf verzichten. Oder wie es John Naughton in der Britischen Zeitung The Guardian formuliert: “Bequemlichkeit macht Heuchler aus uns allen.“
Er hat wohl recht. Wenn uns jemand Bequemlichkeit bietet, dann nehmen wir sie meistens gerne an – auch wenn wir persönlich mit unserer Privatsphäre dafür bezahlen oder andere Menschen Nachteile dafür in Kauf nehmen müssen.